Zum kritischen Potential der Depression (zu Alain Ehrenbergs „Unbehagen in der Gesellschaft“ (Suhrkamp))

Kerrin Jacobs

Abstract


"Die Depression findet ihren Ausdruck bisweilen im „Ausbrennen“ des Individuums, welches oftmals als Gütesiegel des eigenen Leistungswillens verstanden wird, als in Kauf zu nehmende Folge und zugleich Beweis der Selbstverpflichtung (nicht etwa des Rechts), etwas aus sich zu machen. Paradigmenwechsel im Selbstentwurf von der Ausrichtung am Ideal der Disziplin und des Gehorsams hin zur zeitgenössischen Doxa des autonomen Selbstverständnisses: Der postmoderne Auftrag lautet offenbar nicht, sich im Lichte der Errungenschaften personaler Autonomie zu dem machen zu können, was man ist, sondern scheint als konstante Aufforderung verstanden zu werden, sich zu dem machen zu müssen, was man aller Möglichkeit nach sein könnte. Ehrenbergs Untersuchung behandelt Modi des Sprechens über diese eigentümliche Position des zeitgenössischen Individuums zwischen den Übeln subjektiven Leidens am Ideal der Freiheit und der Verpflichtung zur Selbstverwirklichung als Akteur. Es werden nicht nur die Verlaufsdynamiken der Depression beschrieben, sondern auch das gesellschaftskritische Potenzial einer „depressiven Standortbestimmung“ des postmodernen Subjekts in den Blick gerückt.”


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