zu den personen.

Thomas Leinkauf, geboren 1954, studierte in Freiburg und München. Seit 1996 ist er Professor für Philosophie an der Universität Münster und Leiter der dortigen Leibniz-Forschungsstelle. Er veröffentlichte unter anderem Arbeiten zu Nicolaus Cusanus, Marsilio Ficino und Francesco Patrizi da Cherso. 
Arbeitsgebiete: Spätantike, Philosophie der Renaissance und der frühen Neuzeit, Leibniz, Idealismus.

Interview (geführt am 31.01.06).


MP: Herr Prof. Leinkauf, wir wollen heute über die Idee der Universität sprechen, wie sie von Wilhelm von Humboldt vor mehr als 200 Jahren formuliert wurde, wenn es hier einmal erlaubt ist, Kant, Schelling, Fichte und Schleiermacher zu vernachlässigen. Dies ist, angesichts der doch gewaltigen Umwälzungen die Universität betreffend, heute nötiger als jemals zuvor. Was glauben Sie, waren die Hauptaspekte der Humboldtschen Universitätsidee?

Prof. Leinkauf: Die Hauptaspekte kennen wir natürlich. Einer war der Versuch, nicht nur in einer abstrakten Weise Wissensinhalte zu vermitteln (etwa als Standardvorlesung mit zugehörigen Tutorien im ex cathedra-Stil, wie es noch bis in die Zeit Kants hin üblich gewesen ist), sondern ebenso lebendigen Forschungsvollzugan die Stätte zu bringen, an der auch gelehrt wurde. Es ging letztlich um die Verschmelzung des Erziehungsideals des Humanismus mit dem Wissenschaftsideal der idealistischen Philosophie und ihrer Konzeption eines neuen Gesamtzusammenhanges des Lebens und der Welt. Dies, verbunden mit einer größtmöglichen Mannigfaltigkeit an Disziplinen an einem Ort, war sicherlich eine Leitidee. Man muß auch sehen, daß die Idee der Universität nicht nur mit Humboldts berühmtem Konzept zu verbinden ist, sondern spätestens seit Schellings Vorlesungen über die Methode des akademischen Studiums intensiv diskutiert worden ist. Ich erinnere, neben Schelling, nur anFichte, Schleiermacher oder auch Henrik Steffens. Bei all diese Autoren stand im Vordergrund die Einsicht darein, daß Wissen nicht von Freiheit zu trennen sei, daß Wissen auch nichts sei, was in einem feststellenden, festlegenden Sinne als ‚abgeschlossen’ oder ‚fertig’ gelten könne und somit einer schlechten unmittelbaren Verwertung und Applikation ausgeliefert werden könne, sondern daß Wissen etwas ist, das sich in einem freien Prozeß des individuellen, sich mit anderen austauschenden Forschens zu geschehen habe. Der Ort für dieses aktive, auf die Idee der Einheit des Wissens und der Freiheit des Selbstvollzuges gerichtete Tun sei eben die Universität. Die Präsenz des Eros des Forschens in der Lehre sollte, blickt man auf die Studenten, die Freiheit zur Selbstbildung, zu Selbstgestaltung und Selbstbildung fördern. Konzentriertes Forschen, sozusagen als Wendung nach ‚Innen’, ins Geistige und Intelligible, und sich aus diesem Forschen anreicherndes Lehren, als entsprechende Wendung nach ‚Außen’, an die Öffentlichkeit der akademisch interessierten Jugend und an die Gesellschaft, sollten als komplexe Einheit verstanden werden.

MP: Entspricht denn die derzeitige Situation der Universität, zumindest noch entfernt, dieser Idee?

Leinkauf: Das würde ich schon sagen, obgleich man zur Zeit mit großer Energie daran arbeitet, die noch bestehende Ähnlichkeitsrelation mehr oder weniger aufzuheben, die doch immer noch dadurch besteht, dass wir an den meisten Universitäten noch alle Fächer anbieten, auch die sogenannten kleinen Fächer. Dies ändert sich jetzt dramatisch und ist offensichtlich auch politischer Wille. Ich halte diese Entwicklung für sehr bedenklich.

MP: Was für ein Wille könnte dahinter stecken?

Leinkauf: Quantifizierende Berechnung! Es ist genau derselbe Wille, der sich daran selbst begeistert, zusammen mit dem Modulsystem Berechnungseinheiten nach sogenannten Leistungspunktäquivalenten zu führen. Es geht im Endeffekt nur noch um die Frage, was derEinzelne leistet, wenn er sich vorbereitet. Der dabei errechnete Durchschnittswert wir dann quantifiziert und für alle gleichermaßen festgelegt, ohne dabei auf individuelle Besonderheiten zu achten. Also, alles Durchschnittswerte; und aus Durchschnittswerten erwächst, auf Dauer gesehen, Durchschnittlichkeit. Das wird jedoch die Zukunft sein. Wir Professoren werden in unserer Freiheit und Selbstbestimmung erheblich beschnitten. So können wir z.B. nicht mehr kurzfristig und im Einvernehmen mit den Studenten Seminare, die sich als besonders produktiv erwiesen haben, verlängern, weil das starre Modulsystem der neuen Studiengänge dies nicht mehr zulassen wird. Seminare etwa zu Hegels Wissenschaft der Logik über drei Semester werden dann in einem radikalen Sinne zur Vergangenheit gehören. Auch die Entscheidung über die Zeit, in der wir unsere Seminare halten möchten, liegt nicht mehr in unserer Hand. Also wir können nicht mehr wählen, zu welchen Stunden wir anfangen. Hinter der Behauptung, daß dem sogenannten Sachzwang, daß die Studierenden zwischen den Veranstaltung sollen wechseln können, zu folgen sei, wird uns jetzt vorgeschrieben, wir dürften nur noch zu geraden Zeiten Veranstaltungen anbieten. Es ist aber doch genau so gut möglich, alle Veranstaltung zu ungeraden, wie zu geraden Zeiten beginnen zu lassen. Es gab hierzu keine wirkliche Gesamtbefragung, sondern es wurde das Faktum, daß einige Fächer sich auf die geraden Zahlen geeinigt haben, als Hebel benutzt, um auch hier noch Gleichschaltung einzuführen. Alles wird sich jetzt erst einmal auf die Zeit von 10-12 Uhr stürzen, dies wird – ebenso voraussehbar – zu Kapazitätsengpässen bei den Räumen führen, so daß wir also demnächst Veranstaltungen von 8-10 Uhr haben werden. Ich möchte nicht weiter ausführen, welche Auswirkungen solche nicht-akademischen Zeiten für den bislang richtigerweise mit einem Recht auf eine gewissen ‚Chaotik’, auf nächtliche Lektüre- und Forschungsarbeit, auf das Ausleben der kulturellen Angebote etc. verknüpften Lebensvollzug der Studenten der Geisteswissenschaften dies haben wird. Aber das größte negative Gewicht besitzen sicherlich die zunehmenden Belastungen mit Aufgaben in der sogenannten Selbstverwaltung. Immer mehr solcher verwaltenden und organisierenden Tätigkeiten werden sozusagen von der Verwaltung selbst ausgelagert oder übertragen auf die Lehrenden. Das hat sicherlich Methode. Eine der unmittelbaren Konsequenzen ist, daß man uns eben zu tatsächlichen Beamten oder Angestellten macht, denen vorgeschrieben werden kann, was sie zu tun haben, d. h. welche mit immer dichterer Folge aus den Ministerien oder den Rektoraten erlassenen Direktiven innerhalb kürzest möglicher Zeit umzusetzen seien. Zugleich wird seit Jahren immer mehr unser Lehrdeputat erhöht, so daß man irgendwann tatsächlich nur noch das machen kann, was anscheinend ‚von oben’ oder politisch gewollt ist: das Reproduzieren von Standardveranstaltungen, deren sich immer selbst gleich bleibende Struktur keine große Vorbereitungszeit erfordert. Dann haben wir eben vielleicht bald Seminare, die sich von standardisierten Sprachkursen oder ebenso standardisierten Kursen in den Naturwissenschaften und der Medizin nicht mehr wirklich unterscheiden.

MP: Könnte man sagen, dass die Professorenschaft nach und nach entmündigt wird?

Leinkauf: In gewisser weise schon, nehmen Sie doch einmal die vorhin genannten Faktoren zusammen. Alle diese Dinge richten sich ja, ohne es natürlich auszusprechen, gegen die Autonomie des Hochschullehrers und vor allem der Körperschaft Universität selbst, wie sich im Gefolge der ursprünglichen Universitätsidee idealistischer Prägung ja entwickelt hatte. Die Ökonomisierung wird größer, die Verwaltung wird immer stärker. Es gibt auch eine gewisse Arroganz der Macht, der Verwaltungsmacht. Diese äußert sich u.a. darin, dass wir bei wichtigen Entscheidungen, wie z.B. Umsetzungen von bestimmten Direktiven oderUmbauarbeiten, eigentlich nur noch zum Schein gefragt werden. Das ist ein großer Fehler, denn ich denke, die Universität setzt sich als Körperschaft sui generis aus den Lehrenden, den Professoren, zusammen und nicht aus den Verwaltenden. Zum Beispiel versuche ich seit vielen Jahren, die Umsetzung der Leibnizforschungststelle, die dem Philosophischen Seminar assoziiert ist, in die Räumlichkeiten über unserem Seminar zu erwirken. Eine solche Umsetzung wäre ohne weiteres möglich, da die Räumlichkeiten vorhanden und frei sind. Man weiß auch an entsprechender Stelle von dieser Idee, für die, schaut man auf die Kriterien, unter denen sich Forschung und Lehre ja präsentieren sollen, eigentlich nur alles sprechen kann: sie würde die hervorragende Präsenzbibliothek zum 17. und 18. Jahrhundert allen Studierenden der Philosophie viel leichter und bequemer zugänglich machen, als das bisher der Fall sein konnte. Es würden deutliche Synergieeffekte in Lehre und Forschung erwirkt werden können, wenn der sachlichen Nähe auch eine örtliche entsprechen würde, usf. Aber: statt dessen werden wir darüber informiert, daß Didaktik über uns einziehen wird. Begründungen, warum man die Begründungen, die ich etwa in mehreren Schreiben formuliert hatte, nicht berücksichtigt habe, sind nicht erfolgt. Dies nur ein Beispiel. Es werden hier wissenschaftlich Pfunde, mit denen die Universität tatsächlich wuchern könnte, einfach, wie bisher, in ihrem Schattendasein gelassen. Ein Ähnliches ließe sich über die große Platonismus-Editionsstelle, die den Altphilologen assoziiert ist, sagen; auch hier, bei einem Projekt, das wie jenes der Leibnizforschungsstelle, international bekannt ist und mit dem Namen der Universität unmittelbar verbunden wird, kümmert man sich nicht wirklich. Exzellenz ist da, aber beschworen werden nicht vorhandene Exzellenzzentren. So sieht es eben leider aus.

MP: Wie wirkt sich die Forderung nach unmittelbar praktischer Verwertbarkeit universitären Denkens, die zunehmende Bewertung wissenschaftlicher Leistungen unter ökonomischen Gesichtspunkten, auf die Geisteswissenschaften im Allgemeinen aus?

Leinkauf: Für die Geisteswissenschaften heißt das, dass wir immer weiter ins Hintertreffen geraten. Zum Glück hat sich vor etwa zehn Tagen der Wissenschaftsrat auch endlich mal für die Geisteswissenschaften stark gemacht und auch ihre grundsätzlich andere Arbeits- und Vorgehensweise hervorgehoben.Die Geisteswissenschaften arbeiten anders als die Naturwissenschaften, als die Rechtswissenschaften oder die Medizin. Dem entsprechend führen solche Quantifizierungen zu ganz katastrophalen Konsequenzen, wie zu einem Wegfallen von sogenannten „Orchideenfächern“ oder „Kleinfächern“, die teilweise von ganz hervorragenden Leuten vertreten sind und mit denen wir intensiven Austausch pflegen können. Wenn diese aber zum großen Teil wegfallen, dann fehlt auch das Interdisziplinäre, dass –besonders für die Geisteswissenschaften – eigentlich unverzichtbar ist.

MP: Mündet diese Entwicklung möglicherweise in eine Art von Fachidiotie ?

Leinkauf: Also da kann ich keine Richtung sehen. Fachidiotie kann überall und immer wieder passieren. Ich kann nur sagen, dass ich seit meiner Tätigkeit im Universitätsbetrieb keine negative Fachidiotie beobachten konnte. Das tritt wirklich marginal auf. Es ist, glaube ich, auch kein politischer Wille Fachidiotie zu erzeugen. Aber es kann ein Produkt, ein vielleicht ungewolltes, dieser ganzen Operation werden. Vor allen Dingen werden wir vielleicht eine ganz andere Art von Fachidiotie bekommen, indem wir mit verkürzten Ausbildungszeiten, wie es beim Bachelor- Studium der Fall ist, eine immer größere Menge von jungen Leuten auf die Welt loslassen, die nur ein Schmalspurstudium hinter sich haben. Das ist aber politisch gewollt; möglichst große Studentenzahlen in möglichst kurzer Zeit von der Uni weg zu bekommen und das in einem möglichst verschulten System, möglichst gleichgeschaltet. Da bahnt sich möglicherweise eine neue Art von Fachidiotie an. Die hat aber nichts mit dem bekannten Elfenbeinturm und mit dem Tunnelblick, der aus einer gewissen Kompetenzheraus resultieren kann, zu tun.

MP: Kann die universitäre Ausbildung schulmäßig organisiert werden, ohne ihren wissenschaftlichen Charakter zu verlieren?

Leinkauf: Ich glaube, wir täuschen uns, wenn wir erwarten, dass das überhaupt noch wissenschaftlichen Charakter haben kann. Das ist einfach ein Terminus, den man durchstreichen sollte. Wer jetzt sein Studium beginnt, erlebt eine Form der Fortsetzung von Oberstufenwissen, viel weiter wird es nicht kommen. Das hängt damit zusammen, dass wir Lehrenden auch immer mehr mit externen Aufgaben belastet werden, wie z.B. mit Prüfungsbelastung, mit Organisationsstruktur etc., die teilweise bis in die vorlesungsfreie Zeit hineinreichen. Man könnte, mit bitterer Ironie, diese ganze Entwicklung als eine Verflachhochschulung bezeichnen.

MP: Bleibt da eigentlich noch Zeit zum Forschen und Bücherschreiben?

Leinkauf: Es wird immer weniger. Forschen ist ja auch nicht mehr so wichtig, wie Anträge stellen und sich möglichst oft ein eingängiges, stromlinienförmiges Thema aus den geistigen Fingern zu saugen. Wer Bücher schreiben will, braucht, das kann jeder wissen, einfach Zeit und Muße. In manchen Forschungsbereichen, etwa in dem der Philosophie der Frühen Neuzeit, den ich bearbeite, braucht man zusätzlich noch die Freiheit, an die wichtigen Universitäten zu fahren, in deren Beständen sich die Texte finden, an denen man arbeiten will. Das Rufen nach permanenter Dienstleistungspräsenz von Seiten der Professoren steht zu dem Freiraum, der hier benötigt wird, in diametralem Gegensatz. Die Tendenz ist jedenfalls deutlich, daß tatsächliches intensives Forschen, egal welches Thema ich bearbeite, in den Geisteswissenschaften mit ihren besonderen Bedingungen gezielt immer mehr unmöglich gemacht wird. Es steht daher zu befürchten, dass wir irgendwann einmal doch tatsächlich das Auseinanderfallen von Universität und Max- Planck- Instituten erleben werden, also reine Forschungsinstitute auf der einen und reine Lehruniversitäten auf der anderen Seite. In gewisser Weise scheinen sich das einige der großen Organisatoren so vorzustellen. Dagegen hat sich jedoch der Wissenschaftsrat jetzt ausgesprochen, da man die Gefahr wohl sieht. Denn wer, der eigentlich ein freier Forschergeist ist, würde sich denn hier noch an einer Universität dieser verschulten Art bewerben wollen?

MP: Gibt es bildungsfeindliche Tendenzen in Deutschland?

Leinkauf: Natürlich! Also Deutschland hat sich schon immer schwer getan mit seiner gebildeten Schicht, insbesondere mit dem Bildungsbürgertum, das von einem gewissen Esprit gesegnet sowie feingeistig und sensibel war. Aber wir kennen ja Äußerungen von unseren Politikern, die von „dem Professor aus Heidelberg“ verächtlich sprechen. Da wird natürlich ein ganzer Berufsstand niedergemacht und das entspricht einer gewissen Auffassung, die hier durchaus nicht nur, aber auch bei Politikern, vorhanden ist. Und wenn überhaupt, dann wird Bildung und Wissenschaft doch eher mit naturwissenschaftlicher Kompetenz gleichgesetzt, also mit Applikabilität, Anwendbarkeit. Das ist glaube ich eines der großen, goldenen Kälber, um das nicht nur die Deutschen herumtanzen. Die Universität war in Deutschland bisher tatsächlich so etwas wie eine Stätte, in der man noch wirklich den Selbstzweck des Forschens und der Wissenschaft verfolgen konnte und dies zum Glück mit einer großen Verbreitung und Dichte, wie in keinem anderen Land in Europa und wohl auch auf der Welt (das hat mit der föderalen Struktur zu tun, die ähnlich positive Auswirkungen ja auch in dem singulär großen Reichtum an Museen, hoch qualifizierten Orchestern oder Theater- und Opernhäusern hat); dies sicherlich auch mit den ganzen Konsequenzen und auch den Einbrüchen, die es dabei gibt. Nehmen sie die Ausbildung in Musik; nicht jeder wird zu einer Anne- Sophie Mutter oder zu einem Gidon Kremer, nur wenige werden berühmten Geiger. Das heißt aber noch lange nicht, dass es nicht eine große Anzahl von Leuten geben muss, die es ebenfalls versuchen und die daran vielleicht auch scheitern. Von großer Bedeutung ist hierbei, dass siein einem freien Kontext groß werden. Die Bewahrung dieser Freiheit, die Freiheit von Forschung und Lehre, ist Aufgabe der Universität. Aufgrund des Wahnes, möglichst große Quanten von Leuten in kürzester Zeit durch die „Universitätsröhre“ zu drücken, wird eben diese Freiheitimmer mehr beschnitten.

MP: Nun möchte ich kurz auf den Begriff der „Elite“ eingehen, der wie ein Gespenstdie Debatten über die Hochschulreform zu bestimmen scheint. Was aber bedeutet „Elite“ im Kontext der Universität und kann man „Elite“ planen?

Leinkauf: Wir haben an den verschiedensten Universitäten ganz hervorragende einzelne Institute, die natürlich nicht so auffallen, weil sie keinen Nobelpreis oder sonst etwas erhalten oder sich vielleicht auch nicht in ihren Anwendungsbereichen zur Wirtschaft bewegen, dafür aber im internationalen Diskussionshorizont anerkannt und aktiv sind. In den deutschen Geisteswissenschaften wird zweifellos hochqualifizierte Forschung betrieben. „Exzellenzcenter“ aus dem Boden zu stampfen ist eine ganz problematische Angelegenheit. Da wird schnell etwas mit der heißen Nadel gestrickt und jetzt laufen einige Universitäten wie aufgescheuchte Hühner erschrocken davon, weil sie es nicht geschafft haben; und was sagen sie: ja wir müssen jetzt ganz schnell – also wieder mit der heißen Nadel – ein neues Programm machen. Also „Exzellenz“ ist ein Problem, denn exzillieren kann eigentlich nur jemand, der sich selbst durch langjährige Forschung seine eigenen Tradition geschaffen hat und irgendetwas kompetent beherrscht. Universitäten, die eine Tradition haben, besitzen immer auch eine gewisse „Exzellenz“.Die Universität Münster, die jetzt nicht im „Exzellenzbereich“ ist, hat ihre eigenen exzellenten Bereiche, z.B. im neutestamentarischen Forschungsbereich, in der schon erwähnten Platonismus-Forschung; ich möchte sie gar nicht alle aufzählen.

MP: Warum wird immer weniger wert auf philosophiehistorische Forschung gelegt?

Leinkauf: Das ist eine Entwicklung, die sich unabhängig von der Umstrukturierung der Universität im Rahmen des „Bologna- Prozesses“ schon vorher vollzogen hat. Es hat mit einem, ja auch, sich selbst blind machen bezüglich geschichtlicher Zusammenhänge zu tun. Wir haben in Deutschland eine große philosophiehistorische Tradition, ausgehend vom 19. Jahrhundert, bis hin zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wo wirklich hervorragende Arbeiten entstanden sind.Nehmen wir etwa Ernst Cassirers „Philosophie der symbolischen Formen“, ein systematisches Werk ist, basierend auf einer unglaublichen Arbeit an den Quellen. Diese philosophiehistorische Forschung ist eigentlich bis in die 80er Jahre hinein in Deutschland noch sehr stark und gut vertreten gewesen. Sie wird jetzt systematisch abgebaut, weil man eben keine Lehrstühle mehr für Geschichte der Philosophie einrichtet. Das Angebot beschränkt sich heute fast ausschließlich auf Theoretische- und Praktische Philosophie, sowie auf Wissenschaftstheorie und Logik. Im Hintergrund steht die sich bis zur Ideologisierung verfestigt habende schlechte, weil falsche Entgegensetzung von ‚historisch’ und ‚systematisch’; in diesem Denkzusammenhang wird dann das Historische als an sich nicht philosophisches, weil eben nicht systematisches Interesse gesehen, mit der Konsequenz, daß es doch am besten wäre, wenn die Disziplin Geschichte der Philosophie – wie etwa schon in den Vereinigten Staaten – zum historischen Seminar geschlagen würde. Für ein seiner selbst kritisches bewußtes und reflektiertes Wissen allerdings kann es gar nicht, auch nicht systematisch, denkbar sein, daß es gleichsam ohne Reflexion auf die Geschichte und damit die Bedingungen seines eigenen Zustandekommens auskommen könne und wirklich etwas Substantielles denken könne. Es ist zwar etwas anderes, ob ich ein Denken oder eine Diskursformation ‚historisch’ darstelle oder ob ich selbst ‚systematisch’ eine Denkform oder eine Theorie entwickle; aber weder kann die historische Darstellung und Rekonstruktion ohne systematische Kompetenz zureichend geleistet werden, noch eine systematisch konzipierte Theorie im luftleeren Raum des Ahistorischen sich halten, Begriffe und Theorien haben, selbst wenn sie selbst es nicht wissen wollen, eine eigene Geschichte, die sie verorten in einem konkreten Horizont des Lebens und der Wirklichkeit. Gefordert wäre also eine gegenseitige Anerkennung und auch eine institutionelle Gleichbehandlung, aber das ist im Moment ebensowenig zu sehen, wie ein Einhalten bei dem Reformprozeß, der die Universität alter, Humboldtscher Art zugrunde richten wird.

MP: Herr Professor Leinkauf, ich danke Ihnen sehr für dieses Gespräch.


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